Text, Illustrationen und Layoutdesign für die Magazinseiten “ÜBERSCHRIFTEN!!!”

Der Krieg in der Ukraine schockiert die ganze Welt. Doch habe ich in den letzten Monaten gelernt, dass ein Miteinander viel stärker ist als Gegeneinander.

Ich bin noch immer schockiert, fassungslos und wütend. In mir kam wieder eine uralte Angst hoch darüber, dass irgendwann und plötzlich Krieg ganz in meiner Nähe ausbrechen kann. Bin ich doch an der Grenze zu Nordkorea aufgewachsen. Dort gab es immer Spannungen und Militär, so lange ich denken kann. Die Geschichten aus der Ukraine brechen mein Herz. Ich hab das erste Mal wirklich mitbekommen, was Krieg ist, wie brutal das sein kann und bin schockiert, wie das plötzlich ganz persönlich wird.

Doch momentan bin ich gefasster als zu Beginn des Krieges Anfang Februar 2022. Vielleicht weil ich begonnen habe, aus der Ukraine geflüchteten anderen Studierenden zu helfen. Seitdem fühle ich mich nicht mehr gar so machtlos, wenn ich vom Krieg in Ukraine höre. Auch wenn es zum Teil schlimme Nachrichten sind und gerade die Lage mal wieder eskaliert. Jetzt frage ich mich eher: „Was kann ich tun?“

Eigentlich hatte ich das Glück, in diesem Semester eine Job als Illustratorin im AStA der Uni Hamburg, den Allgemeiner Studierendenausschuss, zu bekommen. Dort bin ich für Klimaschutz und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Eine Woche nach Kriegsausbruch habe ich mich mit anderen beim AStA zusammen getan. Wir fragten uns, was wir zur aktuellen Situation beitragen könnten. Da der AStA die Vertretung der Studierenden ist, lag die Antwort auf der Hand: Wir wollten Studierenden helfen, die gerade aus der Ukraine flüchteten. Es gab da einen Hamburger Studenten, der zur Zeit des Kriegsausbruchs sich gerade in der Ukraine aufhielt. Er war damals in Charkiw hängen geblieben. Und sein Notruf war uns Motivation, mehr für andere zu tun.

Doch ich konnte nicht ahnen, was wir konkret machen würden. Keiner von uns hatte Erfahrung mit so eine Situation. Aber das war nichts, worüber wir uns sorgten. Alles kam irgendwie automatisch auf uns zu. Zuerst kam das Krisenmanagement der Jüdischen Gemeinde Hamburg auf uns zu. Denn sie hatten direkt über ihr Netzwerk in der Ukraine Menschen vor Ort evakuiert. Und bei ihnen waren nun auf einmal zu viele Geflüchtete. Sie suchten deshalb andere, die sich speziell um geflüchtete Studierende kümmern konnten. Da merkte ich zum ersten Mal, dass die Flucht für die Flüchtlinge nicht endet, wenn sie hier in Deutschland angekommen sind. Die fremde Sprache, die Notunterkünfte und die Traumata des Kriegs erschweren diesen Menschen das Leben weiterhin. Doch die Gemeinde hatte offensichtlich Erfahrung damit, wie man mit solch einer Situation umgehen kann. Sie meinten zu uns, dass das, was diese Leute am meisten bräuchten, ein ganz normaler Alltag sei, indem sie sich wieder einigermaßen sicher fühlen können. Dafür braucht es aber nicht nur etwas Materiales, sondern besonders auch Menschen, von denen sie begleitet werden.

Als Nächstes hatten wir dann den sich um in Hamburg ankommende afrikanische Geflüchtete kümmernden Verein Asmara’s World e. V. kennengelernt. Dieser Verein hat selbst Busse organisiert und Menschen aus der Afrika, die in der Ukraine wohnten, von der Grenze zu Polen abgeholt. Denn Polen wollte diese Menschen nicht einreisen lassen. Asmara, die Gründerin dieses Vereins, ist ein sehr engagierter Mensch und sucht ständig nach pragmatischen Lösungen. Sie fällte ihre Entscheidungen immer rasch, Hauptsache für die Geflüchteten war das hilfreich. Dafür tat sie alles. So konnten wir auch lernen, nicht zu zögerlich zu sein, sondern mutig und aktiv Probleme anzugehen.

Mich hat erstaunt, dass es so viele und unterschiedliche Organisationen gibt, die sich für diese Menschen professionell einsetzen. Wie viele Krisen muss man als Organisation erlebt haben, damit man eigens dafür eine Abteilung „Krisenmanagement“ einrichtet … geht mir durch den Kopf. Hut ab, was andere Leute hier gerade alles tun. Für mich sind es keine einfachen Gefühle, mich mit Menschen, die vor einem Krieg fliehen, auseinanderzusetzen. Mein Herz schmerzt die ganze Zeit, wenn ich deren Geschichten höre. Über Nachrichten hatte ich bisher viel Abstand zu solchen Problemen – bequem war das. Doch nun wurde alles auf einmal direkt und persönlich.

Schon in der ersten Märzwoche kam dann eine erste Gruppe geflüchteter Studierender in Hamburg an. Es war eine Gruppe von Studierenden, die keine ukrainische Staatsangehörigkeit besitzt und ebenfalls vom Kriegsgeschehen in der Ukraine betroffen war. Viel von ihnen sind aus Indien oder aus afrikanischen Ländern. Und viele können nur schwer in ihre Heimat zurückkehren, da es dort ebenfalls sehr unsicher zu leben ist oder es für sie keine gute Ausbildung gibt. Viele von ihnen studierten in der Ukraine Medizin, Wirtschaftswissenschaften oder Informatik. Alles auch in Deutschland gefragte Fächer.

Für diese Studierenden wollten wir uns zunächst starkmachen. Denn es gibt eine Lücke bei den Aufenthaltsregeln, dass es dieser Gruppe sehr schwer macht, länger als ein paar Monate in Deutschland zu bleiben. Plötzlich beschäftigte ich mich mit Themen wie Aufenthaltsgesetz, Sprachqualifikationen, Studienvoraussetzungen und Anträgen.

Wir haben einfach das versucht, was uns möglich war. Eine von uns hat bei sich zu Hause zwei Studierende aus Nigeria aufgenommen. Der AStA der HAW organisierte eine Schlafplatzbörse. Der Asmara’s World e. V. organisierte ehrenamtliche Deutschkurse und wir stellten dafür die Räumlichkeiten der AStA der Uni Hamburg sowie der HAW zur Verfügung.

Ein paar in der Hochschulpolitik aktive Studierende nahmen mit der Vizepräsidentin der Universität Hamburg und Hamburger Senatorinnen Gespräche auf und schilderten denen die Situation. Plötzlich fand ich mich in Videocalls mit Senatorinnen und Leuten der Nordkirche, der Diakonie sowie der Refugee Law Clinic wieder und sprach mit Leuten, denen ich andernfalls nie begegnet wäre. Für mich ist es faszinierend zu erleben, wie schnell sich Menschen vernetzten. Sie erkennen schnell, wo die Probleme liegen und entwickeln rasch Ideen für Lösungen, die dann praktisch umgesetzt werden. – Es fühlt sich gut an, ein Teil davon sein zu dürfen und anderen Menschen Hilfe zukommen lassen zu können.

Dass ich selbst erfahren hatte, wie es ist, in einem fremden Land Fuß zu fassen, hilft mir dabei sehr. Zudem hatte ich 2019 hin und wieder freiwillig bei Hanseatic Help ausgeholfen, einer Organisation, die in Hamburg aus der Flüchtlingskrise 2015 entstanden war, um dort Kleidungsstücke für Geflüchtete zu sortieren. Diese Arbeit war aber eher eine indirekte Hilfe. Nun so direkt für Menschen aktiv zu werden, das ist neu für mich. Das erste Mal habe ich erlebt, was es bedeutet, sich politisch zu engagieren. Wie viel Energie es braucht, Treffen zu organisieren oder Anträge zu schreiben. Auch wenn mich das anfangs total überforderte, denke ich mir „Es muss doch irgendwas geben, was ich jetzt tun kann, um die Dinge zum Besseren zu wenden.“ Und selbstverständlich war und ist mein Know-how als Illustrationsstudentin gut nachgefragt, für Flyerdesign und Social Media Kampagnen. Aktuell engagiere ich mich zudem im Studierendenparlament an der HAW dafür, dass es auch Studienangebote in englischer Sprache geben wird und das an den Hamburger Unis und Hochschulen für Studierende aus der Ukraine unbürokratisch Gast-Studiengänge angeboten werden. Denn ich bin überzeugt, dass dies die Situation dieser Studierenden verbessern wird.

Beeindruckt hat mich, dass die Hansestadt Hamburg eine Aufenthaltserlaubnis für Studierenden aus der Ukraine ermöglicht, die ursprünglich aus anderen Länder stammen. Damit können diese zunächst mal ein halbes Jahr hier in Hamburg bleiben. Zwar ist das zu kurz, um ein Studium zu organisieren oder die deutsche Sprache zu erlernen. Trotzdem ist das schon mal ein Anfang, finde ich. Und hilfreich ist auch, dass diese Studierenden auch jobben dürfen und von anderen Unterstützungsprogrammen profitieren. Z. B. erhalten sie einen Mietkostenzuschuss, den die Stadt Hamburg übernimmt. Wie ich erfahren haben, haben sich die Hochschulen und NGOs für diese Aufenthaltserlaubnis stark eingesetzt. Wow. Und offensichtlich ist Hamburg das einzige Bundesland mit so einem Programm. Das wird das Leben dieser Menschen konkret ändern und hilft konkret.

Wenn ich zurückdenke, was alles in letzte Monaten passiert ist, berührt mich am meisten, wie all die großen oder kleinen Beiträge die Situation doch tatsächlich in Bewegung bringen bewegt. Jede:r versucht einfach bloß das zu tun, was er oder sie machen kann. Denn wir alle wollen ja im Moment nur, dass allen Menschen aus der Ukraine geholfen wird, gleich ob sie einen ukrainischen Pass haben oder nicht. Ich bin etwas demütig darüber, dass ich einen kleinen Teil davon sein kann und mein Handeln einen Unterschied macht. Heute denke ich, genauso so wird es weiter gehen: Gemeinsam, konstruktiv, mit Respekt und viel Herz. – Denn das Miteinander ist immer stärker, als Gegeneinander.

Text, Illustration: Daha Yeo

Die Magazinseiten sind während des Kurses “Typografie Basis” an der HAW Hamburg entstanden.


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